The Blueberry King

Blueberry-Contest

Nach einer nicht unbedingt angenehmen Nacht… kurze Er- oder Aufklärung: Mit Nachlassen des Alkoholgehaltes im Körper kam auch die Kälte beziehungsweise das damit verbundene Frieren. Die Kälte war mit Sicherheit vorher schon da, bloß hatte ich sie nicht wahrgenommen.

Mein 12-Euro-Schlafsack ist zwar einfach zu transportieren, im Norden Islands aber selbst im Sommer vollkommen oder zumindest nahezu nutzlos. Die vorhin noch am Boden liegende Decke wurde scheinbar von einem Zimmernachbarn geklaut („Tryggvi!! What the hell!“) und ausgerechnet in meinem Zimmer hatte man vergessen die Heizung anzumachen. Der frierende Künstler hilft sich also, indem er den Trolley plündert und eingepackt in Pullover, Socken, Haube (für alle deutschen Leser: Mütze) und Schlafhose zurück in den nutzlosen Schlafsack wandert. Scheint allerdings was genutzt zu haben – bis kurz nach Mittag dauert der geruhsame Schlaf an.

Da der Kühlschrank des Gästehauses vollständig leer ist (bis auf ein einsames Ei, dieses wagt aber keiner anzurühren), wandern wir für das Frühstück wieder ins nahegelegene Arctic Fox Centre. Was sich auch keinesfalls als Fehler erweisen soll, denn flugs wird uns die Spezialität des Hauses – selbstgemachte Waffeln mit Blueberrymarmelade! – aufgetischt. Was für ein Wohlfühlstart in den Tag.

Herzwaffeln

Vor dem Hause wurde inzwischen für einen Wettbewerb vorbereitet – der Blueberry Pie Eating Contest findet heute statt und halb Sudavik hat sich bereits versammelt.

Aufgrund einer mir nicht bewussten und auch nicht bekannten Meldung (m)eines australischen Reisegenossen („of course we will join that contest“ oder so ähnlich) werden wir unmittelbar nach dem Frühstück aufgefordert, uns doch mit an die Tafel zu setzen. Da hilft auch kein „puh, wir sind so satt vom Frühstück“, also ran an den Kuchen. Die Aufgabe ist, ein Stück Heidelbeerkuchen mit einer großzügigen Schlagoberskrone schnellstmöglich zu essen. Mit den Händen am Rücken.

Blueberry-Champion ist derjenige, der unmittelbar nach Schlucken des letzten Bissens vom Stuhl (für alle österreichischen Leser: Sessel) aufspringt.

Eine Minute und zehn Sekunden später (neuer Rekord) gibt es tosenden Applaus und der neue Champion wird von Daddy Eggert wie folgt anmoderiert: „it takes a man from Austria to show us how it’s done!“

Blueberry King

Zugegeben bestand die essende Konkurrenz zum Großteil aus Kindern, die wahrscheinlich dem großen Tag seit Wochen entgegenfieberten. So wirklich wohl fühlt sich der neue Champion also auch nicht dabei, die Illusion kleiner Kinder zerstört zu haben.

Den Wettbewerbseifer habe ich scheinbar von meiner Mutter geerbt, in deren Schlafzimmer ein ganzer Glaskasten gefüllt mit Pokalen steht. Wobei es sich hierbei meist beziehungsweise sogar ausschließlich um andere, bedeutend sportlichere Wettbewerbe handelt – aber darum geht’s ja hier nicht.

Nachdem Dave und ich unsere Gesichter (und er vor allem auch seinen Bart) von Blueberrycake und Sahne befreit und gesäubert haben, machen wir uns auf den Weg um den Berg zu erklimmen, an dessen Fuße sich das Örtchen befindet. Ziel ist vor allem die andere Seite des Berges zu sehen, da ich davon ausgehe, dass man einen Wahnsinnsausblick bis fast nach Kanada hat. Da wir Spezialisten keinerlei Proviant dabei haben, nicht mal eine Flasche Wasser, müssen wir bei gut der Hälfte des ohnehin nicht hohen Berges (für österreichische Verhältnisse wohlgemerkt) umdrehen. Außerdem ist zu diesem Zeitpunkt bereits klar, dass es auf der anderen Seite des Berges nichts Besonderes zu sehen gibt, außer einem weiteren Berg welcher diesem, unserem, Berg wie ein Zwillingsberg gleicht. Dann doch besser zurück zum Fox Centre auf einen wärmenden Kaffee.

Michael Kean, David Kean, Me, Tryggvi

Michael Kean, David Kean, Me, Tryggvi

 

Später werden wir von Eggert in unserem (Pardon, seinem) Häuschen abgeholt, da er uns ein wenig die Gegend zeigen will. Wir fahren dem Fjorde entlang, schießen durch die schmutzigen und verschmierten Scheiben dutzende Fotos (zitiere eine Freundin aus Berlin: „immer die Postkarte vor der Fresse!“) welche sich allerdings allesamt ziemlich ähnlich sind. Typisches zeitgemäßes Verhalten der digitalen Fotografie. Früher hätte dies in etwa einem ganzen Film entsprochen, heutzutage macht man Fotos bis zum Abwinken, langweilt damit Freunde und Bekannte (und eigentlich auch sich selbst) und erkennt dann Jahre später beim Durchforsten der Festplatte, dass neunzig Prozent der Bilder sowieso völlig verzichtbar sind.

Das Ziel der Fahrt ist eine weitere Stadt namens Isafjördur – diesmal etwas mehr als 180 Einwohner (laut Wikipedia / Stand Januar 2011), trotz allem noch immer keine richtige Stadt. Zumindest hat sie einen eigenen Flughafen, ist ja schon mal was.

Wenige Minuten später erfahren wir auch das wahre Ziel dieser Reise: Wir halten vor einem Haus, Eggert erklärt uns dass dies sein „Home“ sei und leitet uns sogleich ins Innere. Zuallererst (und ausschließlich) in seinen Musikraum, in dem sich eine Gitarrensammlung mit in etwa und angeblich 70 Schmuckstücken aus den letzten 50 Jahren befindet. Packt eine nach der anderen aus dem Koffer und reicht sie jeweils einem von uns – klare Aufforderung zum Testen und Bestaunen. Wir spielen das Spiel mit, freuen uns offensichtlich wie kleine Jungs über seine – nun gut… um ehrlich zu sein, wirklich tollen Gitarren. Aber in uns allen steckt ein etwas anderes Bedürfnis… das wichtigste aller Bedürfnisse, zumindest für uns: Hunger und die damit verbundene Sehnsucht nach Essen! Also wird schnurstracks zurückgefahren, weil in Sudavik sowieso und angeblich ein Grillfest stattfindet. Ein Grillfest? Bei gerade mal 10 Grad Außentemperatur? Die spinnen, die Isländer.

Einzige Option dieses Festessens ist allerdings ein nach nichts schmeckendes Brötchen mit einem sich darin befindenden Würstchen. Ob dies so schmeckt wie’s aussieht, kann ich nicht beurteilen, mein letztes Experiment mit Würstchen ist in etwa zwei Jahre her. Als Veggievariante beginnen wir die trockenen Brötchen mit Senf zu befüllen. Dieser ist zumindest lecker – und sofort auch Gesprächsthema… yeah, das ist Senf aus der Region. Angeblich einer der Besten überhaupt. Wir Glücklichen!

Alles in allem ist das Festessen jedoch nicht wirklich zufriedenstellend für uns hungrige Krieger. Also teilen wir Daddy Eggert kurzerhand mit, dass wir in die gestrige Konzertlocation zurückkehren, um unser noch offenes Essen einzulösen.

Der Aufbruch wird allerdings etwas verzögert, da in diesem Moment die Siegerehrung vom Blueberry Contest beginnt und ich selbstverständlich bleiben muss, um meinen Preis entgegenzunehmen. Nach diversen Ansprachen (von denen ich kein einziges Wort verstehe, da diese rein auf Isländisch sind) wird plötzlich mit dem Finger auf mich gezeigt und im selben Moment nehme ich auch akustisch etwas wahr, das meinem Namen irgendwie ähnlich ist. Also rauf auf die Siegertreppe, Urkunde und Preis entgegengenommen, ein Siegerfoto für die lokale Presse und dann zurück zu Tisch. Kurz den Preis von Tryggvi übersetzen lassen und dann endlich ab zum Abendmahl.

Nachdem wir unsere Körper mit diversen Variationen von Kohlehydraten gestärkt haben und nebenbei rumscherzen, dass demnächst ein roter Transporter vorfahren wird und Tryggvi uns mit den Worten „Guys, let’s go“ in das Mobil zehrt, wird kurz nach den letzten verzehrten French Fries unser Scherz auch gleich mal Wirklichkeit: das eben erwähnte Fahrzeug fährt vor und sogleich werden wir von unseren Gastgebern höflichst gebeten, uns fertig zu machen für den nächsten Programmpunkt:

Gummi Hjalta, ein Musiker der noch gestern seine etwas improvisierten Versionen von Neil Young, CCR und Konsorten darbot, feiert heute seinen 50. Geburtstag.

Aufgrund meiner Müdigkeit – infolge vom Schlafmangel der letzten Tage – versuche ich Eggert zu erklären, dass ich wohl doch lieber gerne hier bleiben und mich entspannen möchte. Sein plötzlich versteinerter Gesichtsausdruck verunsichert mich allerdings etwas, die Meldung „you can sleep in the car if you’re getting tired“ klärt dann auch alles: Gastfreundschaft hat hier nen hohen Stellenwert, schlappmachen scheint eine Form von Ignoranz zu sein… also dann, nichts wie rein in die Kiste!

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