Leaving on a Jetplane

Rückflug nach Wien

Keflavik Airport unterscheidet sich deutlich von jeglichen anderen mir bekannten europäischen Flughäfen. Das liegt zum einen an den nicht ganz so peniblen Sicherheitskotrollen, zum anderen sieht man hier anstatt der üblichen in Hemd und Krawatte rumstolzierenden Geschäfts- und Möchtegerngeschäftsleuten großteils Menschen in Outdoorbekleidung rumwandern. Fühle mich sogar etwas overdressed mit meinen Röhrenjeans, Adidas-Sneakers und dem bunten Pullover (sogar Unikat) einer befreundeten Modedesignerin aus Leipzig. Die restliche Meute um mich herum trägt abgetragene Wanderschuhe, Karohemden, Islandpullis und wetterfeste Hosen.

Der Flug nach Berlin (Zwischenstation in meiner ehemaligen Heimatstadt) startet eine halbe Stunde später als angekündigt. Langsam werden Leute unruhig, murmeln irgendetwas von Anschlussflügen und beginnen im Minutentakt nervös auf die Uhr zu schauen. Ich besitze weder Uhr noch Uhrzeit (da mir ja mein Handy geklaut wurde), schätze jedoch die bereits verstrichene Zeit, beginne zu rechnen und werde ebenfalls unruhig.

Mein Anschlussflug nach Wien startet eine halbe Stunde nach der Landung in Berlin. Somit hätte ich im besten Fall wenig bis keine Zeit um zum anderen Flugzeug zu kommen. Ändern lässt sich allerdings nichts, also versuche ich mich zu entspannen. Sollte morgen (beziehungsweise mittlerweile heute) um 10 Uhr im Radiokulturhaus Wien sein, da ich die nächsten Tage ein neues Album aufnehme. Oder zumindest Teile davon. Nicht unbedingt gut geplant, allerdings war das Studio vor der Einladung nach Island gebucht und diese musste ich unbedingt zusagen.

Am Weg nach Berlin versuche ich ein wenig zu schlafen, zumindest schaffe ich ein etwas mehr als einstündiges Nickerchen. Zumindest wenn ich davon ausgehe dass der gezeigt Film – dessen Intro und Abspann ich verschwommen wahrnehme – die üblichen eineinhalb Stunden dauert. Bin ja „zeitlos“.

Nach dem Aufwachen einen kurzen Blick aus dem Fenster – nichts. Schwarze Nacht. Ein Blick auf die andere, gegenüberliegende Seite sagt mir, dass ich trotz Fensterplatz nicht den Joker gezogen habe. Drüben, auf der linken Seite spielt sich ein Naturschauspiel namens Sonnenaufgang in allen möglichen Farben ab. Von dunkelblau über tiefstes rot, orange, pink und hellblau wieder zurück ins dunkelblau. Anwärter für Foto des Jahres. Das Allerschlimmste: die linke Seite verschläft alles, zumindest zu weit ich es erkennen kann.

Also sitze ich frustriert an meinem tollen Fensterplatz auf der rechten Seite, starre hin und wieder mal nach links – ohne mir ankennen zu lassen dass ich gewaltig eifersüchtig bin – und warte bis auch mein Fenster Programm liefert. Am Ende ist’s eh auch ganz schön, aber nicht vergleichbar mit dem was zuvor drüben zu sehen war. Merke: Flüge nach Island – hin rechts, zurück links buchen!

Kurz vor der Landung erfahren wir dann auch, dass der Flug nach Wien auf uns wartet. Schließlich sind es doch an die zwanzig Leute, die noch heute in die schöne Hauptstadt reisen wollen.

Über das sinnlose Szenario am Flughafen Tegel will ich nicht näher eingehen. Sicher nicht ohne Grund, dass Berlin derzeit an etwas Neuem baut (ich meine die Phase zwischen den Baustopps) und diesen in voraussichtlich fünfzehn bis zwanzig Jahren eröffnet. Tegel fordert von umsteigenden Gästen zuerst spitzensportlichen Einsatz, pfadfinderische Orientierung und anschließend viel Geduld beim – nein, das gibt’s doch nicht! – nochmaligen Sicherheitskontrollspiel. Ein Landsmann hinterließ die staunenden (Spezialbegriff für alle Oberösterreicher: baffen) Bediensteten mit einem „is mir wurscht, mei Flug woat!“.

Es fühlt sich übrigens ziemlich gut an, in einen vollen Flieger – noch dazu über eine Freiluftaußenstiege – zu steigen und hunderte von Augenpaaren starren einen an. In etwa wie: na toll, die Isländer sind nun auch endlich da. Und nachdem scheinbar alle Gepäcksablagen voll sind, bekommt meine Gitarre auch noch First Class Behandlung, in dem sich eine Stewardess darum kümmert und sie liebevoll verstaut.

So, der Rockstar setzt sich erstmal hin und liest die Zeitung. Muss schließlich wissen was so alles während seiner Islandtour passiert ist. Aha, gleichmal eine unnötige FPÖ-Wahlwerbung auf der ersten Doppelseite. Danke, ich will von diesem Menschen nicht geliebt werden. Schließe die Zeitung und döse noch eine Runde.

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2 Kommentare zu “Leaving on a Jetplane

  1. Der Bericht gefällt mir, immer mal wieder lustige Szenen beschrieben. Manchmal auch nur lustig weil man es selber nicht erleben musste 😉 Wann geht es weiter mit dem Tagebuch? 🙂

    • Danke, freut mich wenn’s gefällt und unterhaltsam ist. Eine kleine Fortsetzung vom Tourtagebuch ist in Arbeit, dauert aber noch etwas weil ich derzeit kaum zum Schreiben komm. Lg, Bernhard

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